UKA: Mit Expertise zum erfolgreichen Windparkprojekt.

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Das Bioenergiezentrum Güssing ist ein wegweisendes Forschungs- und Demonstrationsprojekt im Bereich der erneuerbaren Energien, das sich auf die nachhaltige Nutzung von Biomasse spezialisiert hat. Als eines der ersten europäischen Zentren dieser Art kombiniert es innovative Technologien zur Energiegewinnung mit praxisnahen Anwendungen und dient als Modell für dezentrale Energieversorgungssysteme. Obwohl der Schwerpunkt auf Biomasse liegt, steht das Zentrum in engem Austausch mit anderen erneuerbaren Energieträgern wie der Windkraft, um Synergien in der Energiewende zu erschließen.

Allgemeine Beschreibung

Das Bioenergiezentrum Güssing wurde im Jahr 2001 im österreichischen Güssing gegründet und entwickelte sich zu einem internationalen Vorreiter für die Integration von Biomasse in lokale Energieinfrastrukturen. Die Anlage basiert auf dem Prinzip der dezentralen Energieerzeugung, bei der regional verfügbare Rohstoffe wie Holz, landwirtschaftliche Reststoffe oder Energiepflanzen genutzt werden, um Strom, Wärme und synthetische Kraftstoffe zu produzieren. Das Zentrum vereint dabei verschiedene thermochemische und biochemische Verfahren, darunter die Vergasung von Biomasse, die Fermentation sowie die Synthese von Biokraftstoffen.

Ein zentrales Merkmal des Bioenergiezentrums ist seine Ausrichtung auf die sogenannte "Polygeneration", bei der mehrere Energieformen gleichzeitig erzeugt werden. Dies ermöglicht eine effiziente Nutzung der eingesetzten Biomasse und reduziert die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Die Anlage ist zudem eng mit dem lokalen Fernwärmenetz verbunden, wodurch ein Großteil der erzeugten Wärme direkt in Haushalte und Gewerbebetriebe eingespeist wird. Die Forschungstätigkeiten des Zentrums konzentrieren sich auf die Optimierung von Prozessen, die Skalierbarkeit der Technologien sowie die ökologische und ökonomische Bewertung von Biomasseprojekten.

Obwohl das Bioenergiezentrum Güssing primär auf Biomasse fokussiert ist, spielt der Kontext der Windkraft eine indirekte, aber relevante Rolle. Windenergieanlagen erzeugen Strom in Abhängigkeit von Wetterbedingungen, was zu Schwankungen im Netz führt. Biomasseanlagen wie die in Güssing können hier als flexible Ergänzung dienen, da sie grundlastfähig sind und bei Bedarf zugeschaltet werden können. Diese Kombination trägt zur Stabilisierung des Stromnetzes bei und zeigt, wie unterschiedliche erneuerbare Energieträger sinnvoll miteinander verknüpft werden können.

Technische Details

Das Bioenergiezentrum Güssing setzt auf eine Kombination aus Festbettvergasung und Wirbelschichttechnologie, um Biomasse in nutzbare Energie umzuwandeln. Im Kernprozess wird Biomasse unter Sauerstoffmangel bei Temperaturen von etwa 850 °C vergast, wobei ein Synthesegas entsteht, das hauptsächlich aus Wasserstoff (H2), Kohlenmonoxid (CO) und Methan (CH4) besteht. Dieses Gas wird anschließend gereinigt und kann entweder direkt in einem Gasmotor zur Stromerzeugung genutzt oder zu flüssigen Kraftstoffen wie Fischer-Tropsch-Diesel weiterverarbeitet werden.

Die Anlage verfügt über eine elektrische Leistung von rund 2 MW und eine thermische Leistung von etwa 4,5 MW. Die jährliche Biomasseverarbeitungskapazität liegt bei circa 20.000 Tonnen, wobei vorrangig Holz aus der Region verwendet wird. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Effizienzsteigerung: Durch die Nutzung der Abwärme aus der Stromerzeugung für das lokale Fernwärmenetz erreicht das Zentrum einen Gesamtwirkungsgrad von über 80 %. Dies übertrifft herkömmliche Biomasseheizkraftwerke deutlich, die oft nur Wirkungsgrade von 60–70 % erzielen.

Im Bereich der Normen und Standards orientiert sich das Bioenergiezentrum Güssing an europäischen Richtlinien wie der DIN EN ISO 17225 für biogene Festbrennstoffe sowie der DIN EN 16900 für die Qualität von Synthesegasen. Zudem werden die Emissionsgrenzwerte der EU-Richtlinie 2015/2193 (Mittlere Feuerungsanlagen-Richtlinie) eingehalten, die strenge Vorgaben für Schadstoffemissionen wie Stickoxide (NOx) und Feinstaub macht.

Historische Entwicklung

Die Gründung des Bioenergiezentrums Güssing geht auf eine Initiative der Stadt Güssing in den 1990er-Jahren zurück, die sich zum Ziel setzte, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern. Die Region war damals stark von Energieimporten abhängig, was zu hohen Kosten und ökologischen Belastungen führte. Mit Unterstützung des österreichischen Bundeslands Burgenland und der Europäischen Union wurde 2001 die erste Biomasse-Vergasungsanlage in Betrieb genommen, die zunächst nur Wärme für das lokale Fernwärmenetz lieferte.

In den folgenden Jahren wurde die Anlage schrittweise erweitert, um auch Strom und synthetische Kraftstoffe zu produzieren. Ein Meilenstein war die Inbetriebnahme einer Fischer-Tropsch-Anlage im Jahr 2008, die erstmals die Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation ermöglichte. Diese Technologie nutzt nicht essbare Biomasse wie Holzreste oder Stroh und steht damit nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion – ein entscheidender Vorteil gegenüber Biokraftstoffen der ersten Generation, die aus Pflanzen wie Raps oder Mais gewonnen werden.

Das Bioenergiezentrum Güssing diente als Vorbild für ähnliche Projekte in Europa und darüber hinaus. Es wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem European Solar Prize im Jahr 2005 und dem Austrian Climate Protection Award im Jahr 2010. Heute ist das Zentrum Teil eines internationalen Forschungsnetzwerks und kooperiert mit Universitäten, Energieversorgern und Technologieunternehmen, um die Weiterentwicklung von Biomasse-Technologien voranzutreiben.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

Der Begriff "Bioenergiezentrum" wird oft mit ähnlichen Konzepten verwechselt, die jedoch unterschiedliche Schwerpunkte setzen:

  • Biomasseheizkraftwerk: Ein Biomasseheizkraftwerk erzeugt ausschließlich Strom und Wärme durch die Verbrennung von Biomasse. Im Gegensatz zum Bioenergiezentrum Güssing fehlt hier die Komponente der Polygeneration, also die gleichzeitige Erzeugung mehrerer Energieformen wie Strom, Wärme und Kraftstoffe. Zudem setzen Heizkraftwerke meist auf einfache Verbrennungstechnologien, während das Bioenergiezentrum Güssing auf Vergasung und Synthesegasnutzung spezialisiert ist.
  • Bioraffinerie: Eine Bioraffinerie nutzt Biomasse zur Herstellung einer breiten Palette von Produkten, darunter nicht nur Energie, sondern auch Chemikalien, Materialien und Lebensmittelzusatzstoffe. Während das Bioenergiezentrum Güssing primär auf Energieerzeugung ausgerichtet ist, verfolgen Bioraffinerien einen ganzheitlicheren Ansatz, der auch stoffliche Verwertungswege einschließt. Allerdings gibt es Überschneidungen, insbesondere bei der Nutzung von Synthesegasen für die chemische Industrie.
  • Windpark mit Biomasse-Hybridanlage: Einige Windparks integrieren Biomasseanlagen, um die Volatilität der Windenergie auszugleichen. Diese Hybridanlagen sind jedoch meist kleiner dimensioniert als das Bioenergiezentrum Güssing und dienen vorrangig der Netzstabilisierung. Das Bioenergiezentrum Güssing hingegen ist ein eigenständiges Forschungs- und Demonstrationszentrum mit Fokus auf Biomasse-Technologien und deren Skalierung.

Anwendungsbereiche

  • Dezentrale Energieversorgung: Das Bioenergiezentrum Güssing demonstriert, wie ländliche Regionen durch die Nutzung regionaler Biomasse eine autarke Energieversorgung aufbauen können. Dies reduziert Transportkosten und stärkt die lokale Wertschöpfung. Besonders in Gebieten mit geringer Windkraftnutzung kann Biomasse eine stabile Ergänzung zu anderen erneuerbaren Energien darstellen.
  • Forschung und Entwicklung: Das Zentrum dient als Testumgebung für neue Technologien im Bereich der Biomasse-Vergasung und -Synthese. Unternehmen und Forschungseinrichtungen nutzen die Anlage, um Prototypen zu erproben und Prozesse zu optimieren. Ein Beispiel ist die Entwicklung von Katalysatoren für die Fischer-Tropsch-Synthese, die die Effizienz der Kraftstoffherstellung erhöhen.
  • Netzstabilisierung in Kombination mit Windkraft: Da Windenergie wetterabhängig ist, können Biomasseanlagen wie die in Güssing als flexible Reserve dienen. Bei geringer Windstromerzeugung kann die Biomasseanlage hochgefahren werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Diese Kombination wird zunehmend in Regionen mit hohem Windkraftanteil eingesetzt, um die Netzstabilität zu verbessern.
  • Klimaschutz und CO2-Reduktion: Durch die Substitution fossiler Brennstoffe trägt das Bioenergiezentrum Güssing zur Reduktion von Treibhausgasemissionen bei. Die Anlage vermeidet jährlich etwa 20.000 Tonnen CO2, indem sie Biomasse statt Kohle oder Erdgas einsetzt. Zudem wird bei der Vergasung von Biomasse CO2 freigesetzt, das zuvor von den Pflanzen gebunden wurde, was zu einer neutralen CO2-Bilanz führt.
  • Ausbildung und Wissenstransfer: Das Zentrum bietet Schulungen und Workshops für Fachkräfte aus der Energiebranche an und vermittelt Wissen über Biomasse-Technologien. Dies ist besonders relevant für Länder, die den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben und auf dezentrale Lösungen setzen.

Bekannte Beispiele

  • Fischer-Tropsch-Anlage Güssing: Die 2008 in Betrieb genommene Anlage war eine der ersten in Europa, die synthetische Biokraftstoffe der zweiten Generation herstellte. Sie demonstrierte, dass aus Holzresten und anderen nicht essbaren Biomassearten hochwertige Kraftstoffe gewonnen werden können, die mit fossilen Brennstoffen konkurrenzfähig sind. Die Anlage diente als Referenzprojekt für ähnliche Vorhaben in Deutschland und Schweden.
  • Fernwärmenetz Güssing: Das lokale Fernwärmenetz versorgt über 90 % der Haushalte in Güssing mit Wärme aus Biomasse. Es ist eines der größten Netze dieser Art in Österreich und zeigt, wie eine ganze Region durch erneuerbare Energien unabhängig von fossilen Brennstoffen werden kann. Die Wärme wird zu einem Großteil aus der Abwärme des Bioenergiezentrums gewonnen, was die Effizienz des Systems weiter steigert.
  • EU-Projekt "Bioenergy4Business": Das Bioenergiezentrum Güssing war Partner in diesem von der Europäischen Union geförderten Projekt, das kleine und mittlere Unternehmen bei der Umstellung auf Biomasse-Heizsysteme unterstützte. Ziel war es, die Nutzung von Biomasse in Gewerbebetrieben zu fördern und damit die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Das Projekt wurde 2018 erfolgreich abgeschlossen und diente als Blaupause für ähnliche Initiativen in anderen EU-Ländern.

Risiken und Herausforderungen

  • Rohstoffverfügbarkeit und Nachhaltigkeit: Die Versorgung mit Biomasse ist abhängig von regionalen Gegebenheiten und kann durch Konkurrenz zu anderen Nutzungsformen wie der Nahrungsmittelproduktion oder der stofflichen Verwertung (z. B. in der Papierindustrie) beeinträchtigt werden. Zudem muss sichergestellt werden, dass die Biomasse aus nachhaltiger Forstwirtschaft oder Landwirtschaft stammt, um ökologische Schäden wie Monokulturen oder Entwaldung zu vermeiden. Das Bioenergiezentrum Güssing setzt daher auf zertifizierte Rohstoffe gemäß PEFC oder FSC.
  • Wirtschaftlichkeit: Die Technologien zur Biomasse-Vergasung und -Synthese sind kapitalintensiv und erfordern hohe Investitionen. Die Wirtschaftlichkeit hängt stark von den Energiepreisen und staatlichen Förderungen ab. In Regionen mit niedrigen Strompreisen oder fehlenden Subventionen kann der Betrieb von Biomasseanlagen unwirtschaftlich sein. Das Bioenergiezentrum Güssing profitierte von öffentlichen Fördermitteln, doch die langfristige Rentabilität bleibt eine Herausforderung.
  • Technische Komplexität: Die Vergasung von Biomasse und die anschließende Aufbereitung des Synthesegases sind technisch anspruchsvoll. Probleme wie Teerbildung im Gas oder Korrosion in den Anlagen können zu Betriebsstörungen führen. Zudem erfordert die Fischer-Tropsch-Synthese präzise Steuerungssysteme, um eine gleichbleibende Qualität der Kraftstoffe zu gewährleisten. Das Bioenergiezentrum Güssing investiert daher kontinuierlich in Forschung, um diese Herausforderungen zu meistern.
  • Akzeptanz in der Bevölkerung: Obwohl Biomasse als erneuerbare Energiequelle gilt, gibt es Vorbehalte gegenüber großen Anlagen, insbesondere in Bezug auf Lärm, Geruch und Verkehr durch den Transport der Biomasse. Das Bioenergiezentrum Güssing hat durch transparente Kommunikation und Bürgerbeteiligung versucht, diese Bedenken auszuräumen. Dennoch bleibt die Akzeptanz ein kritischer Faktor für die Umsetzung ähnlicher Projekte.
  • Konkurrenz zu anderen erneuerbaren Energien: In Regionen mit hohem Wind- oder Solarstromanteil kann Biomasse an Bedeutung verlieren, da diese Technologien oft kostengünstiger sind. Das Bioenergiezentrum Güssing zeigt jedoch, dass Biomasse als grundlastfähige Ergänzung zu fluktuierenden Energieträgern wie Windkraft sinnvoll sein kann. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen den verschiedenen erneuerbaren Energien zu finden.

Ähnliche Begriffe

  • Biogasanlage: Eine Biogasanlage erzeugt durch die Vergärung von organischen Abfällen (z. B. Gülle, Bioabfälle) Methan, das zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt wird. Im Gegensatz zum Bioenergiezentrum Güssing, das auf thermochemische Verfahren setzt, basiert die Biogasproduktion auf biochemischen Prozessen. Beide Technologien nutzen jedoch Biomasse als Rohstoff und können sich gegenseitig ergänzen.
  • Holzheizkraftwerk: Ein Holzheizkraftwerk verbrennt Holz oder Holzreste, um Strom und Wärme zu erzeugen. Im Unterschied zum Bioenergiezentrum Güssing fehlt hier die Komponente der Vergasung und Synthesegasnutzung. Holzheizkraftwerke sind technisch einfacher aufgebaut, erreichen jedoch geringere Wirkungsgrade und produzieren keine flüssigen Kraftstoffe.
  • Power-to-Gas-Anlage: Eine Power-to-Gas-Anlage nutzt überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien (z. B. Windkraft), um Wasserstoff oder Methan zu erzeugen. Während das Bioenergiezentrum Güssing Biomasse als primären Rohstoff einsetzt, ist Power-to-Gas eine Technologie zur Speicherung von Strom. Beide Ansätze können jedoch kombiniert werden, um die Flexibilität des Energiesystems zu erhöhen.

Zusammenfassung

Das Bioenergiezentrum Güssing ist ein Pionierprojekt für die nachhaltige Nutzung von Biomasse und demonstriert, wie dezentrale Energieversorgungssysteme durch innovative Technologien realisiert werden können. Durch die Kombination von Vergasung, Synthesegasnutzung und Polygeneration erreicht das Zentrum hohe Wirkungsgrade und trägt zur Reduktion von Treibhausgasemissionen bei. Obwohl der Schwerpunkt auf Biomasse liegt, zeigt das Beispiel Güssing, wie Biomasseanlagen mit anderen erneuerbaren Energien wie der Windkraft synergistisch zusammenwirken können, um eine stabile und klimafreundliche Energieversorgung zu gewährleisten. Die Herausforderungen in den Bereichen Rohstoffverfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und technische Komplexität bleiben jedoch bestehen und erfordern weitere Forschung sowie politische Unterstützung.

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